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Literaturtipp: Dark Actors—The Life and Death of Dr. David Kelly

  • Autorenbild: Marko Thomas Scholz
    Marko Thomas Scholz
  • vor 5 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Tony Blair und George W. Bush wollten die Welt 2003 glauben machen, Saddam Hussein hätte Massenvernichtungswaffen. Dr. David Kelly wusste, dass war gelogen. Jetzt ist er tot!


Dark Actors ist kein trockenes Sachbuch, keine nüchterne Chronik und auch keine konspirative Spurensuche im klassischen Sinne, sondern ein literarisch ambitioniertes, leidenschaftlich geschriebenes Werk, das die dramatischen Ereignisse um den Tod des britischen Biowaffenexperten Dr. David Kelly in eine größere politische und ethische Erzählung einbettet. Robert Lewis, ein Autor, der zuvor vor allem als Romancier aufgefallen war, nähert sich hier einem realen Fall von globaler Bedeutung – dem Machtzusammenprall zwischen einem Wissenschaftler, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, und politischen Eliten, die an der Manipulation von Wahrheit und öffentlichem Vertrauen beteiligt sind.


Bereits der Buchtitel signalisiert, dass Lewis es nicht bei einer rein biographischen Darstellung belassen will. Vielmehr skizziert er ein dramatisches Stück in mehreren Akten: auf der Bühne stehen nicht nur Kelly, sondern auch britische und amerikanische Machtzentren – verkörpert durch Tony Blair und George W. Bush – sowie die Medien, Geheimdienste und institutionellen Kräfte, die im Schatten agieren. Diese „dunklen Akteure“ sind es, deren Handeln und Versäumnisse den Kern der Geschichte bilden.


Sein Wissen und seine Integrität machten ihn zur Schlüsselfigur in der Debatte über irakische Massenvernichtungswaffen – und damit, ungewollt, zur Gefahr für mächtige politische Interessen.

Dr. David Christopher Kelly (1944–2003) war ein britischer Mikrobiologe und international anerkannter Experte für biologische Waffen. Er arbeitete zuerst am berühmten Porton Down-Labor und später im Rahmen der UN-Inspektionskommissionen in Irak, wo er mehrfach – trotz großer persönlicher Risiken – versuchte, die Wahrheit über das irakische Waffenprogramm zu ermitteln. Kelly war kein akademischer Sonderling ohne Einfluss: Er gehörte zu denjenigen wenigen, die sowohl wissenschaftliche Autorität als auch praktische Erfahrung in einem der sensibelsten Felder internationaler Sicherheit besaßen. Sein Wissen und seine Integrität machten ihn zur Schlüsselfigur in der Debatte über irakische Massenvernichtungswaffen – und damit, ungewollt, zur Gefahr für mächtige politische Interessen. Lewis schildert Kelly nicht als Superhelden, sondern als einen Menschen mit Ecken und Kanten – sensibel, detailverliebt, manchmal ungeschickt im Umgang mit politischer Macht. Gleichzeitig ist er ein Wissenschaftler, der tief an die Aufklärung und an die Selbstreinigungskräfte von Institutionen glaubt. Anders als viele andere Experten seiner Zeit hat Kelly eine eminente fachliche Expertise: Er wusste nicht nur über biologische Bedrohungen Bescheid, sondern verstand – durch seine Rolle bei UNSCOM und UNMOVIC – auch die politischen Mechanismen, mit denen internationale Waffenkontrolle gehandhabt wird. Gerade diese Kombination aus wissenschaftlichem Instinkt und politischer Erfahrung macht seine Haltung so gefährlich für Regierungen, die ein bestimmtes Narrativ über den Irakkrieg etabliert haben wollen.


Robert Lewis baut sein Buch nicht als lineare Biographie auf. Stattdessen gliedert er den Text in mehrere große Erzählstränge. Die frühen Kapitel widmen sich dem Leben und der Persönlichkeit des Wissenschaftlers. Lewis zeigt Kelly als Jungen aus einfachen Verhältnissen, dessen Vater ihn früh verlassen hat und dessen Mutter Selbstmord beging – ein biographischer Schatten, der sein späteres Leben prägt. Diese frühen Kapitel funktionieren nicht als bloße Rückblenden, sondern als psychologische Orientierung: Sie machen Kellys Verhalten in den späteren politischen Turbulenzen verständlich. Lewis schildert akribisch Kellys Arbeit bei biologischen Gefahren und Waffeninspektionen. Er folgt ihm auf mehr als dreißig UN-Missionen nach Irak, beschreibt seine Begegnungen mit irakischen Wissenschaftlern, seine Frustration über ständige Obstruktionen und seine tiefe Skepsis gegenüber allen politischen Opportunismen. Diese Abschnitte sind nicht nur informativ, sondern wirken wie ein Thriller – nicht wegen Plot-Twists, sondern wegen der schieren Mischung aus Fachwissen, politischem Kalkül und menschlicher Dramatik. Der Kern des Buches ist die Kontroverse um die britische Regierung, die Anfang der 2000er Jahre einen Geheimdienstbericht über das irakische Waffenprogramm „aufmotzte“. Kelly, der als Berater des Verteidigungsministeriums tätig war, wurde beschuldigt, anonym einem BBC-Reporter gesagt zu haben, dass der Bericht bewusst übertrieben worden sei. Dies brachte ihn in direkten Konflikt mit dem Establishment, vor allem mit Premierminister Tony Blair und der Regierung von George W. Bush, die den Irakkrieg militärisch begründeten. Lewis zeichnet die minutiösen Verhöre, die öffentlichen und privaten Angriffe auf Kelly und die journalistische Dynamik nach, die letztlich zur Enttarnung seiner Person führte. Schließlich führt Lewis den Leser zu Kellys Tod im Juli 2003: ein Spaziergang in einem Waldstück in Oxfordshire, der nie wieder zu seinem Zuhause zurückführte. Spoilerfrei, aber detailliert und spannend beschreibt er die eindeutigen wie widersprüchlichen Aspekte der Todesumstände, die offizielle Hutton-Untersuchung, die staatlichen Narrative und die Versuche, sie zu entkräften oder in Zweifel zu ziehen. Die offizielle Version lautet, Kelly habe Suizid begangen; Lewis legt jedoch nahe, dass diese Deutung unvollständig ist – nicht unbedingt, um eine alternative Verschwörungstheorie zu proklamieren, sondern um die Frage nach Wahrheit, Verantwortung und politischer Macht neu zu stellen.


Dark Actors fragt, wie Macht und Wahrheit interagieren

Robert Lewis’ Schreibstil ist ungewöhnlich für ein politisches Sachbuch: Er mischt narrative Elemente mit investigativer Genauigkeit. Seine Sprache ist lebendig, die Szenen plastisch: Wir sehen Kellys Handbewegungen während eines Verhörs, wir hören das Summen der Telefone in Ministerbüros, wir erleben die Spannung einer Pressekonferenz, als ein Reporter Blair zur Rede stellt. Diese Nähe zur Erzählung macht Dark Actors zugänglich und fesselnd – er macht aus Politik einen menschlich dramatischen Stoff. Andererseits kritisieren manche Rezensenten genau diese Nähe zur Dramatisierung als problematisch: So wird Lewis vorgeworfen, gelegentlich Argumente einseitig zu präsentieren oder spekulative Elemente stärker zu gewichten als belegte Fakten. Doch diese Kritik unterstreicht auch den literarischen, nicht rein dokumentarischen Anspruch des Buches.


Lewis zeigt überzeugend, warum Dr. Kelly für das Establishment zur Gefahr wurde:


  • Als international anerkannter Experte für biologische Waffen hatte Kelly Glaubwürdigkeit, die von politischen Eliten nicht ignoriert werden konnte;

  • Kellys Zweifel an der Authentizität des britischen Dossier zur irakischen Bedrohung standen im direkten Widerspruch zur Kriegsbegründung von Blair und Bush. Obwohl er nicht öffentlich politisch aktiv war, wurde allein die Tatsache, dass ein Insider Zweifel äußerte, zu einem politischen Problem;

  • Kellys Gespräche mit der BBC und die anschließende Enthüllung seiner Identität führten zu einem öffentlichen Eklat, der institutionelle Reaktionen auslöste: Medienkritik, politische Abwehr, Rücktrittsforderungen und schließlich die Hutton-Untersuchung;

  • In einer Zeit, in der die Legitimität des Irakkriegs zunehmend infrage gestellt wurde, wurde Kelly zur Projektionsfläche aller Ängste – einerseits als Opfer staatlicher Macht, andererseits als tragischer Wissenschaftler in einem Stadium politischer Hybris. Lewis bringt dies klar zum Ausdruck.


Dark Actors ist keine gewöhnliche Biographie – es ist ein politischer Roman im weitesten Sinne, der ein tragisches Kapitel der jüngeren Geschichte mit erzählerischer Kraft und analytischer Schärfe verknüpft. Lewis gelingt es, die Figur Dr. David Kelly plastisch zu machen: nicht nur als Wissenschaftler, sondern als Mensch in einem moralischen Dilemma zwischen wissenschaftlicher Integrität und politischem Druck. Die politische Dimension des Buches wird so zum zentralen Thema: Dark Actors fragt, wie Macht und Wahrheit interagieren, wie Regierungen Narrative formen und wie einzelne Akteure – selbst wenn sie nur wissenschaftlich argumentieren – zum Störfaktor werden können. In dieser Auseinandersetzung wird Kelly zur tragischen Figur eines globalen politischen Dramas.


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