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Wo Freiheit nur noch durch Selbstaufgabe gedacht wird, ist sie bereits verloren.

  • Autorenbild: Marko Thomas Scholz
    Marko Thomas Scholz
  • vor 12 Minuten
  • 11 Min. Lesezeit

Der ranghöchste Soldat des Heeres, Generalleutnant Dr. Christian Freuding, hat mit einem einzigen Satz der Freiheit den Krieg erklärt. Hierüber habe ich mit ChatGPT gesprochen.


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Marko Thomas Scholz: Der amtierende Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Dr. Christian Freuding, sagte vor kurzem in einer Ansprache wörtlich folgenden Satz: »Alles für die Freiheit aufzugeben, das ist Freiheit.« Ich habe seine Ansprache persönlich gehört, es besteht also keinerlei Zweifel, dass er diesen Satz gesagt hat. Meiner Meinung nach ist dieser Satz nicht nur töricht und inhaltlich unhaltbar, sondern sogar falsch. Wer seine eigene Freiheit aufgibt unterwirft sich mindestens einem, vermutlich sogar mehreren Zwängen, die einem sodann von anderen auferlegt werden. Die Äußerung des Generalleutnants ist somit nicht ehrlich und weder philosophisch noch rein praktisch haltbar.

     

»Alles für die Freiheit aufzugeben, das ist Freiheit.«

Freiheit––und ich meine nicht nur die philosophische Bedeutung von Freiheit, sondern auch die praktische, die konkrete Bedeutung, sprich ihre Anwendung im Alltag––, hat für mich einige Eigenschaften, man könnte auch von Merkmalen sprechen, die bedingungslos mit ihr selbst, mit der Freiheit an sich also, verbunden sind und als solche nicht verhandelt werden können.

Eine Eigenschaft ist bspw. die (weitestgehende) Abwesenheit von Zwang. Freiheitseinschränkungen können meines Erachtens ausschließlich gesetzlich bedingt sein, weil möglicherweise die Freiheitsrechte anderer geschützt werden müssen und insoweit die Freiheit des Einzelnen beschränkt werden muss. Eine andere Eigenschaft ist meiner Meinung nach die Fähigkeit jederzeit rational entscheiden zu können. Ein Entscheidungsträger, der durch äußere Zwänge, meinetwegen durch gesellschaftliche Konventionen oder durch Gruppenzwang (Peer Pressure) oder durch Desinformation wie Werbung, Propaganda, Manipulation (Gaslighting etc.) eine irrationale Entscheidung trifft, ist nicht frei. Und eine dritte Eigenschaft ist die Gewissheit auch die nächste Generation in Freiheit zu wissen, also die Freiheit des Einzelnen bewahren zu dürfen, damit unsere Kinder und deren Kinder ebenfalls frei leben können.

 

 

ChatGPT: Deine Kritik ist gut begründet, differenziert und philosophisch ernst zu nehmen. Ich versuche, mich dazu nicht polemisch, sondern analytisch zu äußern und dabei sowohl die innere Logik deiner Freiheitsdefinition als auch die problematische Struktur des zitierten Satzes offenzulegen.

Du formulierst implizit einen negativen wie auch einen positiven Freiheitsbegriff, der drei starke Merkmale enthält. Erstens die Abwesenheit von Zwang. Freiheit ist für dich primär ein Nicht-Unterworfen-Sein. Einschränkungen sind nur dann legitim, wenn sie rechtlich normiert sind, dem Schutz der Freiheit anderer dienen und verhältnismäßig bleiben. Das steht klar in der Tradition von Kant, Mill und moderner liberaler Verfassungsphilosophie.

Zweitens betonst du die rationale autonome Entscheidungsfähigkeit. Freiheit ist für dich nicht bloß formale Wahlmöglichkeit, sondern die Fähigkeit, informiert, unbeeinflusst von Manipulation und nicht unter sozialem oder psychischem Druck zu entscheiden. Das ist ein anspruchsvoller Freiheitsbegriff, der sich ausdrücklich gegen bloße »Wahlfreiheit« im neoliberalen Sinne richtet. In dieser Perspektive ist jemand, der manipuliert oder indoktriniert wird, funktional unfrei, selbst wenn er formal wählen darf.

Drittens verstehst du Freiheit als intergenerationelles Gut. Freiheit ist nicht nur individuell, sondern zeitlich erweitert. Eine Handlung ist dann unfreiheitlich, wenn sie die Freiheit zukünftiger Generationen zerstört oder irreversibel beschneidet. Damit verbindest du Freiheit mit Verantwortung, was klar an Hans Jonas erinnert. Dieser Freiheitsbegriff ist in sich kohärent, anspruchsvoll und philosophisch belastbar.

Der zitierte Satz »Alles für die Freiheit aufzugeben, das ist Freiheit« ist demgegenüber, streng genommen, paradox, und zwar nicht im produktiven, sondern im destruktiven Sinn. Wenn Freiheit durch Autonomie, Entscheidungsfähigkeit und Abwesenheit von Zwang bestimmt ist, dann ist das vollständige Aufgeben von allem, einschließlich Selbstbestimmung, Rechten, Leben und Urteilskraft, keine Steigerung, sondern die Negation von Freiheit. Logisch ist das unhaltbar. Der Satz funktioniert nur rhetorisch, nicht begrifflich.

      Er funktioniert zudem nur dann, wenn man Freiheit nicht mehr als Zustand des Subjekts, sondern als abstraktes Kollektivgut oder Ideologie versteht. Dann bedeutet er faktisch, alles für eine Idee von Freiheit aufzugeben, auch die eigene Freiheit. Das ist kein Freiheitsbegriff mehr, sondern ein Opferbegriff. Historisch ist das hochproblematisch, da totalitäre Systeme exakt so argumentiert haben. Die eigene Unfreiheit wird legitimiert, indem sie als Dienst an einer höheren Freiheit umgedeutet wird.


Die eigene Unfreiheit wird legitimiert, indem sie als Dienst an einer höheren Freiheit umgedeutet wird.

Praktisch ist der Satz ebenfalls nicht haltbar. Wer seine Freiheit aufgibt, unterwirft sich Zwang, unabhängig davon, wie dieser gerechtfertigt wird. Militärischer Gehorsam, Einschränkung von Rechten und die Suspendierung von Kritikfähigkeit sind funktionale Unfreiheit, auch wenn sie als notwendig oder ehrenhaft etikettiert werden. Dass solche Opfer unter Umständen tragisch notwendig sein können, ist eine andere Frage, aber sie bleiben Opfer und sind keine Freiheit.

Der Satz ist daher politische Rhetorik, nicht philosophische Argumentation. Er dient dazu, Opferbereitschaft zu erzeugen, Zweifel zu neutralisieren und Widerspruch moralisch zu delegitimieren. Wer widerspricht, steht plötzlich nicht mehr für Freiheit, sondern gegen sie. Das ist rhetorisch effektiv, aber intellektuell unredlich. Eine ehrliche Formulierung hätte lauten können, dass der Schutz von Freiheit manchmal Opfer erfordert, dass Freiheit nicht kostenlos ist oder dass man bereit sein muss, Risiken einzugehen. Der gewählte Satz hingegen verdreht Freiheit in ihr Gegenteil, verschleiert Zwang als Selbstbestimmung und ersetzt Denken durch Pathos. Freiheit kann verteidigt werden, sie kann gefährdet sein, sie kann Opfer kosten, aber sie kann nicht dadurch existieren, dass man sie abschafft.

 

 

Marko Thomas Scholz: Vergleiche bitte das Zitat, meine eigenen Ausführungen und vor allem deine Antwort mit dem Konzept der sog. »Inneren Führung« von Wolf Graf von Baudissin. Gib mir deine Einschätzung hierzu.

 

 

ChatGPT: Dieser Vergleich ist ausgesprochen fruchtbar, denn genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob der zitierte Satz noch innerhalb der Tradition der Inneren Führung steht oder ob er sie faktisch verlässt. Ich gehe dabei systematisch vor.

Wolf Graf von Baudissin entwickelte die Innere Führung ausdrücklich als Gegenentwurf zu blindem Gehorsam, soldatischem Kadavergehorsam, zur Entkopplung von Moral und Befehl sowie zu Militarismus und Opferkult. Zentral sind dabei mehrere Kernelemente: der Soldat als Staatsbürger in Uniform, das Primat der Menschenwürde und des Grundgesetzes, die verantwortliche Gewissensentscheidung sowie die Einsicht, dass Freiheit nicht trotz, sondern durch Freiheit militärische Leistungsfähigkeit ermöglicht. Baudissin wollte kein heroisches Opferideal, sondern reflektierte Loyalität.

Vergleicht man deine Freiheitsdefinition mit diesem Konzept, zeigt sich eine hohe Übereinstimmung. Deine Betonung der weitestgehenden Abwesenheit von Zwang entspricht Baudissins Vorstellung, dass militärischer Zwang funktional begrenzt sein muss und der Soldat Träger von Rechten bleibt. Disziplin darf nicht total werden, und gerade der verbleibende Rest an Freiheit begründet die Legitimität des Dienstes. Auch deine Betonung rationaler Entscheidungsfähigkeit ist nahezu deckungsgleich mit Baudissins Denken. Innere Führung ist bei ihm ausdrücklich Erziehung zur Urteilskraft. Politische Bildung ist kein Beiwerk, sondern Kernauftrag. Soldaten sollen Propaganda durchschauen, nicht reproduzieren. Eine emotionalisierte oder ideologisch aufgeladene Truppe war genau das, was er vermeiden wollte. Dein Gedanke der intergenerationellen Verantwortung findet bei Baudissin zwar keine explizite Formulierung, ist aber implizit klar angelegt. Die Bundeswehr ist als Friedensarmee in demokratischer Einbindung gedacht. Militärische Gewalt ist ultima ratio, kein Selbstzweck und keine Erlösung durch Opfer. Insofern besteht auch hier eine deutliche Nähe.


Innere Führung ist ausdrücklich Erziehung zur Urteilskraft. Politische Bildung ist kein Beiwerk, sondern Kernauftrag.

Demgegenüber steht das zitierte Statement in Spannung zur Inneren Führung. Der Satz »Alles für die Freiheit aufzugeben, das ist Freiheit« impliziert Totalität, vollständige Hingabe und potenziell totale Selbstaufgabe. Baudissin hingegen lehnte Totalität kategorisch ab. Gerade der verbleibende Freiheitsrest ist für ihn konstitutiv. Der Satz widerspricht damit dem Prinzip des Staatsbürgers in Uniform. Hinzu kommt, dass der Satz die Gewissensfreiheit unterläuft. Wenn »alles« aufzugeben ist, dann bleibt kein Raum mehr für Zweifel, Kritik oder persönliche Abwägung. Baudissin war jedoch der Auffassung, dass das Gewissen nicht disponibel ist und nicht für ein höheres Gut geopfert werden darf. Verantwortung ersetzt bei ihm Opferbereitschaft. Der Soldat handelt, weil er einsieht, nicht weil er sich hingibt. Auch im Vergleich mit meiner vorherigen Antwort zeigt sich eine klare Linie. Die Kritik an der rhetorischen Totalisierung, das Beharren auf begrifflicher Klarheit und die Unterscheidung zwischen Opfer und Freiheit sind vollständig kompatibel mit Baudissins Denken. Er hätte vermutlich gesagt, dass man Freiheit nicht semantisch zerstören darf, wenn man sie verteidigen will.

In der Gesamtschau lässt sich daher festhalten: Deine Freiheitsauffassung steht klar in der Tradition der Inneren Führung. Meine Analyse ist mit Baudissins Konzept vereinbar und stützend. Das Zitat hingegen steht in deutlicher Spannung, wenn nicht sogar im Widerspruch zu ihr. Baudissin hätte dem Satz vermutlich nicht frontal widersprochen, ihn aber nicht stehen lassen. Er hätte ihn ersetzt durch eine Formulierung wie: Der Soldat dient der Freiheit, indem er sie lebt––auch im Dienst. Oder schärfer: Wo Freiheit nur noch durch Selbstaufgabe gedacht wird, ist sie bereits verloren.


Der Soldat dient der Freiheit, indem er sie lebt––auch im Dienst.

 

  Marko Thomas Scholz: Als nächstes möchte von dir eine normative Einschätzung. Bedenkt man, dass der Urheber des genannten Zitats, Generalleutnant Dr. Christian Freuding, kein Geringerer ist als der Inspekteur des Heeres der Bundesrepublik Deutschland und dass er ca. 63.000 Soldaten kommandiert, Freuding ist also der ranghöchste Militär der Teilstreitkraft Heer im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages, welche Schlussfolgerungen müssen die ihm unterstellten Soldatinnen und Soldaten und im Übrigen alle Zivilisten in unserem Land ziehen, wenn man sich fragt, in welche Richtung die Bundeswehr bis 2030 höchstwahrscheinlich geführt werden wird?

 

 

ChatGPT: Ich formuliere diese Einschätzung bewusst normativ, nüchtern und verantwortungsethisch, nicht alarmistisch, gerade weil es hier um militärische Führung in einer Demokratie geht.

Unabhängig von der genauen formalen Einordnung seiner Funktion gilt: Ein Inspekteur des Heeres spricht nicht privat, nicht essayistisch und nicht folgenlos. Er spricht performativ. Seine Worte rahmen Erwartungen, prägen Deutungsmuster in der Truppe, wirken orientierend auf Ausbildung, Selbstverständnis und Führungskultur und werden in angespannten sicherheitspolitischen Zeiten nicht als bloße Metaphern, sondern als Richtungsanzeige verstanden. Normativ bedeutet das: Je höher der Rang, desto geringer die semantische Unverbindlichkeit.

Für die Soldatinnen und Soldaten ergeben sich daraus mehrere zwingende Schlussfolgerungen. Zunächst ist eine Verschiebung des Freiheitsbegriffs erkennbar. Freiheit wird nicht mehr primär als gelebter Zustand individueller Autonomie verstanden, sondern als übergeordnetes Ziel, dem man sich gegebenenfalls vollständig unterordnet. Freiheit wird externalisiert, als Idee, Ordnung oder Staat, nicht mehr internalisiert als Urteilskraft, Gewissen und persönliche Verantwortlichkeit. Das stellt keinen bloßen Sprachfehler dar, sondern markiert einen möglichen Paradigmenwechsel.

Zweitens verschiebt sich das innere Koordinatensystem zugunsten von Selbstaufgabe gegenüber Gewissensentscheidung. Wenn »alles aufzugeben« als Freiheit bezeichnet wird, gewinnen Loyalität gegenüber Reflexion, Opferbereitschaft gegenüber Verantwortung und Durchhalten gegenüber Hinterfragen an Gewicht. Für den einzelnen Soldaten entsteht dadurch ein faktischer Konformitätsdruck, selbst dann, wenn formell weiterhin Gewissensfreiheit besteht. Rechte verlieren ihre Wirksamkeit nicht nur durch formale Abschaffung, sondern auch durch kulturelle Entwertung.

Drittens impliziert die Aussage eine Erwartungshaltung in Richtung steigender Einsatzintensität, höherer persönlicher Risiken und wachsender Anforderungen an Durchhaltefähigkeit. Diese Erwartung ist nicht per se illegitim, sie verlangt jedoch sprachliche Präzision statt Pathos. Wo diese Präzision fehlt, entsteht moralischer Druck. Auch für die Zivilbevölkerung ergeben sich normative Schlussfolgerungen. Zivilisten müssen erkennen, dass sich die Selbstbeschreibung der Bundeswehr verschiebt.


Zivilisten müssen erkennen, dass sich die Selbstbeschreibung der Bundeswehr verschiebt.

Sie erscheint weniger als funktionales Instrument unter parlamentarischer Kontrolle und stärker als existenzielle Institution. Das verändert nicht die Verfassung, wohl aber die zivil-militärische Balance im öffentlichen Diskurs. Diskurse sind jedoch Vorbedingungen von Praxis. Hinzu kommt die Gefahr einer semantischen Sakralisierung. Wenn Freiheit nur noch durch totale Hingabe denkbar erscheint, wird Kritik moralisch riskanter, Widerspruch leichter als unsolidarisch markiert und der Diskurs von abwägend zu bekenntnishaft verschoben. Eine Demokratie lebt jedoch davon, dass gerade ihr Militär nüchtern, entzaubert und kontrollierbar bleibt. Das bedeutet noch keine Militarisierung und keine Abkehr von der Inneren Führung. Aber es ist ein Spannungszeichen. Es handelt sich nicht um einen Bruch, sondern um eine rhetorische Grenzüberschreitung, die anschlussfähig für eine andere Führungskultur ist, wenn sie nicht korrigiert oder präzisiert wird. Die Innere Führung lebt nicht nur von Vorschriften, sondern von Sprachsensibilität.

Normativ lassen sich drei mögliche Entwicklungspfade bis 2030 unterscheiden. Erstens ein Pfad  der Präzisierung und Rückbindung (Pfad A), bei dem Rhetorik geschärft, Opfer als Tragik und nicht als Freiheit benannt und die Innere Führung explizit gestärkt wird. In diesem Fall bleibt Freiheit praktisch wirksam. Zweitens ein Pfad rhetorischer Entkopplung (Pfad B), bei dem Pathos begriffliche Klarheit ersetzt, die Innere Führung formal bestehen bleibt, aber kulturell an Gewicht verliert und Gewissensfreiheit theoretisch, nicht praktisch wird. Drittens ein Pfad normativer Umdeutung (Pfad C), bei dem Selbstaufgabe zur Normalität wird, Kritik als Schwäche gilt und Freiheit ausschließlich kollektiv verstanden wird. Dieser Pfad wäre mit Baudissin und mit dem Geist des Grundgesetzes nicht vereinbar.

Das normative Fazit lautet daher: Soldaten dürfen nicht den Schluss ziehen, dass ihre Freiheit disponibel ist. Zivilisten dürfen nicht den Schluss ziehen, dass es sich lediglich um folgenlose Rhetorik handelt. Beide Gruppen müssen erkennen, dass Sprache Führung ist und Führung Verantwortung bedeutet. Eine demokratische Armee darf viel verlangen, aber sie darf nicht verlangen, dass Freiheit begrifflich geopfert wird, um sie zu verteidigen.


Eine demokratische Armee darf viel verlangen, aber sie darf nicht verlangen, dass Freiheit begrifflich geopfert wird, um sie zu verteidigen.

  

Marko Thomas Scholz: Ich möchte dich zu einem »Gedankenexperiment« einladen. Stellen wir uns vor––und ich möchte betonen, dass es mir nicht um Alarmismus geht, sondern vielmehr um einen nüchternen, sachlichen Lagebericht (inkl. Risikoeinschätzung)––, stellen wir uns also vor, der Deutsche Bundestag würde schon morgen den sog. „Spannungsfall“ nach Art. 80a GG beschließen. Die Rechtsfolgen wären maximal betrachtet so schwerwiegend, dass der Staat, der dann übrig bleibt, oder sagen wir besser, der dann in Erscheinung tritt, sich massiv unterscheiden würde von dem Staat, den wir momentan, also in der Realität, noch haben. Welche Szenarien ergäben sich in einem solchen Umfeld für die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland, wenn man weiterhin unterstellt, dass Pfad B oder gar Pfad C in den Mittelpunkt der Zukunftsentwicklung rückt?

 

 

ChatGPT: Ich nehme dieses Gedankenexperiment ausdrücklich ernst, nicht als Alarmismus, sondern als verantwortungsethische Risikoanalyse unter normativen Vorzeichen. Genau so würde man es auch in sicherheitspolitischer Planung oder in politischer Bildung behandeln.

Der Spannungsfall nach Art. 80a GG ist rechtlich kein Kriegszustand, normativ jedoch ein Schwellenereignis. Der Staat tritt dann nicht mehr primär als Rechtsstaat, sondern als Sicherheits- und Verteidigungsstaat in Erscheinung. Grundrechte bleiben formal bestehen, werden jedoch in hohem Maße abwägungsfähig. Exekutive Handlungsfähigkeit gewinnt Vorrang vor Deliberation. Entscheidend ist dabei, dass der Spannungsfall weniger die Texte der Gesetze verändert als die Interpretationskultur. Genau hier werden die Pfade B und C relevant.

Strukturell ist unter Spannungsfallbedingungen mit systemischen Verschiebungen zu rechnen. Macht verschiebt sich von Parlamenten zur Exekutive, von Öffentlichkeit zu Sicherheitsapparaten und von Debatte zu Entscheidung. Diese Verschiebung erfolgt funktional, ist aber anfällig für Überdehnung. Gleichzeitig verändert sich die Zeitlogik politischen Handelns. Langsame Abwägung gilt zunehmend als Luxus, Entscheidungen werden unter Zeitdruck moralisch legitimiert und Fehler als unvermeidlich dargestellt. Auch die Kommunikationslogik verändert sich. Narrative werden vereinfacht, Zusammenhalt moralisch aufgeladen und Skepsis leichter als Destabilisierung gelesen. Noch handelt es sich nicht um Repression, aber um eine deutliche Normverschiebung.

Unter Pfad B, der rhetorischen Entkopplung, bleiben Grundrechte formal bestehen, ihre praktische Ausübung wird jedoch sozial und administrativ erschwert. Freiheit wird zunehmend als Belastung oder als Sicherheitsrisiko gerahmt. Demonstrationen bleiben erlaubt, werden aber faktisch entmutigt. Kritik ist möglich, wird jedoch moralisch diskreditiert. Es entsteht ein Konformitätsdruck, der sich in Sätzen äußert wie »Jetzt ist nicht die Zeit für Zweifel« oder »Das hilft dem Gegner«. Bürger beginnen, sich selbst zu zensieren, ohne dass der Staat dies erzwingen müsste. Freiheit erodiert hier nicht durch Verbote, sondern von innen. Das Verhältnis zwischen Bürger und Staat verschiebt sich, Loyalität wird emotionalisiert und staatliche Maßnahmen werden als Vertrauensfrage gerahmt. Kritik erscheint als Vertrauensbruch. Das Ergebnis ist ein funktionierender Staat mit einem deutlich verengten Freiheitsraum.

Unter Pfad C, der normativen Umdeutung, kippt nicht das Recht, sondern der Freiheitsbegriff selbst. Freiheit wird mit kollektiver Sicherheit gleichgesetzt, individuelle Freiheit gilt als nachrangig oder verdächtig. Opferbereitschaft wird zur Norm und nicht mehr zur Ausnahme. Bürger lernen, dass frei ist, wer verzichtet. Diese semantische Revolution hat weitreichende Folgen. Pflichtlogiken nehmen zu, etwa durch Dienstpflichten, Mobilitätseinschränkungen oder Informationslenkung. All dies ist rechtlich begründbar, wirkt jedoch in der Kumulation tiefgreifend. Die Maßnahmen sind weniger repressiv als normalisierend. Der öffentliche Diskurs polarisiert sich in Verantwortungsbewusste und Egoisten. Moral ersetzt Argument, Komplexität gilt als Schwäche. Der Staat versteht sich zunehmend als Schicksalsgemeinschaft.

Unabhängig vom konkreten Pfad ergeben sich mehrere Querschnittsrisiken. Die Gewissensfreiheit wird nicht abgeschafft, aber faktisch entwertet. Die Innere Führung bleibt formal bestehen, verliert jedoch ihren lebendigen Geist. Demokratie wird funktional, nicht mehr deliberativ. Sie arbeitet, spricht aber nicht mehr mit sich selbst. Zudem wird die Rückkehr zur Normalität mit zunehmender Dauer des Ausnahmezustands immer schwieriger, da dieser sich schleichend zur neuen Normalität entwickelt.


Eine Demokratie scheitert nicht daran, dass sie sich verteidigt. Sie scheitert daran, wenn sie dabei verlernt, warum sie sich verteidigt.

Das nüchterne Fazit dieses Gedankenexperiments lautet daher nicht, dass eine Dystopie droht, sondern dass sich schleichend verschiebt, was als selbstverständlich gilt. Unter Spannungsfallbedingungen in Verbindung mit Pfad B wird Freiheit enger, ohne abgeschafft zu werden. Unter Spannungsfallbedingungen in Verbindung mit Pfad C wird Freiheit umdefiniert, nicht entzogen. Beides ist formal mit dem Grundgesetz vereinbar, aber nur eines mit seinem Geist. Der abschließende normative Satz lautet: Eine Demokratie scheitert nicht daran, dass sie sich verteidigt. Sie scheitert daran, wenn sie dabei verlernt, warum sie sich verteidigt.

 

 

 

Ende des Interviews.

 

 

 

 

 

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