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Literaturtipp: When The World Sleeps—Stories, Words, And Wounds of Palestine

  • Autorenbild: Marko Thomas Scholz
    Marko Thomas Scholz
  • vor 6 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Es ist zweifelsohne das wichtigste politische Buch des Jahres 2026. Geschrieben hat es Francesca Albanese die UNO-Sonderberichterstatterin für die von Israel besetzten Gebiete in Palästina. Die englische Fassung ist erschienen bei OTHER PRESS New York.


Spätestens seit die Republik Südafrika beim Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag ein Verfahren gegen den Staat Israel wegen eines möglichen Verstoßes gegen die Völkermordkonvention angestrengt hat, ist der Name Francesca Albanese in aller Munde. Sie ist die erste Frau in ihrem Amt bei den Vereinten Nationen und hat als Amtsinhaberin mittlerweile zwei umfangreiche Gutachten geschrieben (Anatomy of a genocide und Torture and Genocide), in welchen sie zu dem Schluss kommt, dass Israel tatsächlich derzeit einen Genozid an den Palästinensern in Gaza verübt.


Vor kurzem nun erschien ihr erstes Buch. Inzwischen ist es bereits zum New York Times Bestseller avanciert. Die italienische Juristin ist seit Mai 2022 UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, eine Funktion, die vom Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen besetzt wird und deren Inhaber unabhängig und ohne Vergütung arbeiten. Albanese ist die erste Frau in diesem Amt. Bekannt wurde sie einem breiteren Publikum durch ihren Mut, in offiziellen UN-Berichten Begriffe zu verwenden, die ihre Vorgänger stets vermieden hatten: Apartheid, Völkermord. Nicht als politische Parolen, sondern als präzise Kategorien des Völkerrechts, verankert unter anderem im Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs.


»Why do we continue to refer to and rely on international humanitarian law, when the military occupation that this body of law relgulates is serving to take away the land and destroy the lives of the occupied people?« (Francesca Albanese)

Im Juli 2025 verhängte die Trump-Regierung Sanktionen gegen Albanese mit der Begründung, sie habe den Internationalen Strafgerichtshof bei der Verfolgung amerikanischer und israelischer Staatsbürger unterstützt. Ihre Bankkonten wurden eingefroren, ihre Krankenversicherung ausgesetzt, ihr wurde die Einreise in die USA verboten. Die eigentliche Absicht war eindeutig: Außenminister Marco Rubio bezeichnete Albaneses Arbeit als »voreingenommene und böswillige Aktivitäten«. Am 13. Mai 2026 entschied US-Bundesrichter Richard Leon, dass die Trump-Regierung mit den Sanktionen Albaneses Recht auf freie Meinungsäußerung verletzt habe. Albanese habe, wie Leon in seiner 26-seitigen Begründung schrieb, »nichts anderes getan als zu sprechen«. Vergangene Woche, am 20. Mai 2026, strich das US-Finanzministerium Albaneses Namen schließlich vollständig von der Sanktionsliste. Ihr Buch erschien inmitten dieser juristischen Auseinandersetzungen.


Das Buch ist kein rechtsphilosophisches Traktat und kein politisches Manifest, auch wenn es von beidem etwas implizit enthält. Albanese hat sich für eine andere Form entschieden: zehn Kapitel, jedes um eine einzelne Person herum gebaut – Menschen, die ihr Verständnis von Palästina geprägt haben. Die Bandbreite ist bewusst weit angelegt. Sie reicht von Hind Rajab, einem sechsjährigen Mädchen, das im Januar 2024 zusammen mit ihrer Familie im Auto von israelischer Artillerie getötet wurde, bis zu Eyal Weizman, dem israelischen Forensikarchitekten, der staatliche Gewalt mit räumlichen Analysemethoden dokumentiert. Dazwischen stehen Traumaexperte Gabor Maté, Holocaust-Historiker Alon Confino und andere.


Das Ergebnis ist ein Buch, das sich seiner eigenen Grenzen bewusst ist. Albanese, Tochter eines westlichen Bildungssystems, das Palästina lange ausgeblendet hat, räumt ihre anfängliche Unwissenheit explizit ein. Über ihre ersten Jahre in Jerusalem schreibt sie, Expatriates seien »so losgelöst von der Wirklichkeit, dass sie den Atem des Landes, auf dem sie leben, nicht spüren.« Es ist diese Bereitschaft zur Selbstreflexion, die dem Buch seine besondere Glaubwürdigkeit verleiht.


»Today, awareness of the nature of the occupation is already much more widespread and I am sure that in a few years the word 'apartheid' will automatically be associated with the State of Israel, as it was in the past with South Africa.« (Francesca Albanese)

Eines der zentralen Kapitel des Buches (S. 111–138) ist einer Frau namens Ingrid gewidmet, einer niederländischen Forscherin, die seit Jahrzehnten zu Palästina arbeitet und zu den Mitgründerinnen der Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung (BDS) gehört.

Albanese nutzt dieses Porträt, um die Frage zu stellen, die ihr politisch die meiste Feindschaft eingebracht hat: Ist die israelische Besatzung Apartheid? Nicht im übertragenen Sinne, sondern im Sinne des Völkerrechts, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, strafbar nach dem Römischen Statut.


Das Kapitel arbeitet sich durch die einschlägigen Rechtsgutachten: den Befund des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag, die Berichte von Amnesty International und Human Rights Watch, die Israel in diesem Zusammenhang beide zu ähnlichen Schlüssen kamen. Albanese zeigt, wie ein Begriff, der in der Rechtsgemeinschaft zunehmend Konsens findet, in der westlichen Öffentlichkeit und Diplomatie weiterhin als Tabu behandelt wird – nicht aus juristischen, sondern aus politischen Gründen. Besonders eindringlich ist eine hypothetische Frage, die Albanese im Verlauf des Kapitels aufwirft und die dem ganzen Buch als moralischer Kompass dienen könnte: Was würde ich tun, wenn ich Palästinenserin wäre, die unter Besatzung lebt? Die Frage verlangt keine Antwort. Aber sie verlangt, sie ernst zu nehmen. Das Kapitel beleuchtet auch das strukturelle Paradox, das durch Ingrid sichtbar wird: Je klarer die Rechtslage in Gutachten und Urteilen formuliert wird, desto deutlicher zeigt sich, dass internationales Recht ohne politischen Willen zur Durchsetzung ein stumpfes Schwert bleibt. Israel habe, schreibt Albanese, »nicht nur die Territorien, sondern auch das Völkerrecht systematisch planiert.« BDS erscheint in diesem Kontext nicht als radikale Außenseiterbewegung, sondern als eines der wenigen verfügbaren zivilgesellschaftlichen Instrumente.


Albaneses Stärke liegt in der Komposition. Indem sie juristische Analyse und menschliche Nahaufnahme verschränkt, vermeidet sie zwei Fallen: die klinische Distanz des Rechtsgutachtens und die emotionale Überwältigung des bloßen Leidensberichts. Das Buch ist beides – präzise und berührend. Kritiker werden einwenden, dass Albanese die Frage, ob das Völkerrecht noch ein wirksames Instrument sein kann, zu optimistisch beantwortet. Die Fakten sprechen für Skepsis: Netanjahu ist trotz ICC-Haftbefehl weiterhin auf freiem Fuß, Israels Blockade des Gazastreifens hielt noch lange an, nachdem internationale Gerichte sie für rechtswidrig erklärt hatten. Albanese selbst räumt in einem Interview ein, dass die westliche Untätigkeit viele ihrer Überzeugungen erschüttert habe, aber nicht ihr Vertrauen in das Völkerrecht als solches. Dieses Festhalten mag man als naiv lesen. Man kann es auch als professionelle Haltung einer Frau verstehen, die mit dem Recht das einzige Werkzeug verteidigt, das dem Stärkeren Grenzen setzen kann und die dafür persönlich sanktioniert wurde.


When the World Sleeps ist im April 2026 auf Englisch erschienen (Other Press). Eine deutsche Übersetzung liegt bislang zwar nicht vor. Die englische Fassung lässt sich jedoch sehr gut und flüssig lesen. Und jeder sollte dieses Buch gelesen haben. Im Grunde sollte dieses Buch in jeder Schule, in jedem Geschichtsunterricht, in jedem Politikunterricht und natürlich auch an Hochschulen in den einschlägigen Vorlesungen und Seminaren umfassend besprochen werden.



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